Überliefertes lebt in neuem Gewand weiter "Kunterbunt" aus Grasberg produzierten Auftrags-CD mit 15 plattdeutschen Spiel- und Tanzliedern
Grasberg. Totgesagte leben länger, sagt der Volksmund, und so gehört auch das Plattdeutsche noch nicht zu den Verstorbenen der Sprachgeschichte. Einer, dem die niederdeutsche Mundart erklärtermaßen am Herzen liegt, ist Jens-Peter Müller. Soeben hat der Musiker aus Wörpedorf mit seiner Gruppe "Kunterbunt" eine neue CÜ herausgebracht. Sie enthält 15 plattdeutsche Spiel-und Tanzlieder und trägt den Titel "Nu gifft dat Musik in d´ Boo".
Bei der Veröffentlichung, die auch als Musikkassette zu haben ist, handelt es sich um eine Produktion, die im Auftrag des Auricher Verbandes "Ostfriesische Landschaft" erstellt wurde. Diese Organisation gab im Vorjahr für die Arbeit in Kindergärten und Grundschulen das Materialbuch "Koom, sing un danz mit mi" heraus. Darin finden sich Noten, Texte, Spielhilfen und Tanzanleitungen zu den 15 Stücken, die nun von "Kunterbunt" und Freunden eingespielt wurden.
Daß ausgerechnet die Grasberger Formation den Zuschlag erhielt, empfindet Jens-Peter Müller als Wertschätzung einer mittlerweile zehnjährigen Bandtätigkeit, in der das Plattdeutsche immer auch eine wichtige Rolle spielte: Schon unter dem Namen "Sommerfolk" konnte bei der Beschäftigung mit traditionellem europäischem Liedgut die regionale Mundart nicht außen vor bleiben.
Und als "Wymn" trägt man einen entsprechenden Fingerzeig ja auch im Untertitel: "Hotfriesische Volksmusik" heißt da die Devise.
Nun also auch "Kunterbunt op Platt". Was vordergründig betrachtet wie ein Anachronismus erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinhören als lebendige Mixtur fol-kig-swingender Kinderlieder und aufgepeppter Traditionals. Müller bekennt: "Als Musiker gehe ich gerne mit der Plattdeutschen Sprache um. Sie ist musikalischer und singbarer, gleichzeitig aber auch rauher und blumiger als das Hochdeutsche." In allem liege mehr Ausdruck, öl} nun im erdigen Slang oder im saloppen Spaß.
Gerade auch Kinder, die - anders als in Teilen Ostfrieslands - nicht mehr mutter-sprachlich plattdeutsch aufwüchsen, wurden Müller zufolge über die Lieder und Tänze spielerisch mit dem Idiom vertraut. Übers Hören, glaubt der Wörpedorfer, bekomme man auch Spaß an der Sprache, ohne sie zu sprechen. Das Textheft erklärt auch einige Vokabeln. Und: "Das Platt gehört einfach hierher. Es ist, wie jede Sprache, wichtig für die Bildung von Identität und Selbstbewußtsein."
Vor den Aufnahmen allerdings mußten sich die "Kunterbunts" erst einmal selbst intensiv mit dem Plattdeutschen befassen. Jens-Peter Müller etwa nahm regelrechten Unterricht bei einer Grasbergerin, die aus demselben ostfriesisischen Dorf stammt wie sein Vater. Obwohl es "das Platt" schlechthin gar nicht gibt, wagte sich die Gruppe erst danach an die Einspielung der 15 Auftragsstücke.
Im Januar war man fertig, wobei mit Britta Pur und Achim Prigge auch die Nachbarn des Wörpedorfer "Kunterbunt" -Paars Jens-Peter Müller und Ulrike Weiß musikalisch beteiligt wurden, nicht zu vergessen auch der "Wymm"-Bassist Reinhard Röhrs. Zum
familiären Charakter der teils dialogisch und mehrstimmig angelegten Musiken kommt eine gehörige Portion spürbarer Begeisterung. Hierfür sorgen nicht zuletzt die Chorstimmen von Kindern der Grundschule Mittegroßefehn, die etwa beim Singspiel vom "Timpenklott" auch ganz ohne Instrumente auskommen.
Der spielerische Umgang mit vorgegebenem Material ist allenthalben spürbar, etwa bei " Gröne Petersilie" mit " Rednex" -Gesang und "Yankee-Doodle"-Einlage; auch die Instrumentierung steht in Diensten einer lie-bevoll-ironisierenden Distanz zum Material:
Beim "Jingle Beils "-Rausschmeißer "Ringeding" sorgen Handmixer und Taschenklavier für besondere Effekte und beim Opener "Voßmusik" rockt der Fuchs, ähnlich wurde "As ik lesd na d´ Markt gung" arrangiert. Volkstanzgruppen dürften sich über den Siebensprung, das Hollandlied oder den "Watscheldanz" im Dreivierteltakt freuen; für Schul- oder Gruppenstunden eignen sich das "Kattendanzspill" oder "Dat Trampeldeer".
So ist "Nu gifft dat Musik in d´ Boo" vermutlich ein weiterer Meilenstein in der "Kunterbunt"-Geschichte, die 1992 mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ihren bisherigen Höhepunkt hatte. Auf die nächste, für Oktober angekündigte CD "Helene mit der Dreierlücke" darf man schon jetzt gespannt sein. In diesen Tagen sind Müller und Co. zunächst einmal zu einer Konzertreise in Litauen unterwegs, bevor dann am Sonntag, 9. Juni, um 15 Uhr auf dem Findorffhof in Grasberg ein Heimspiel mit alten und neuen "Kunterbunt"-Nummern ansteht - auf Hoch- und auf Plattdeutsch, versteht sich.
(Bernhard Komesker, am 28.5. 1996 in der wymme-Zeitung, Lokalausgabe des Weserkuriers Bremen)